“Free Tibet!” – made in China
Es hat ja so kommen müssen. Die Polizei in Südchina hat eine Textilwarenfabrik entdeckt, welche “Free Tibet!”-Flaggen herstellt. Was daran so schlimm ist? Öhm, naja, eigentlich nichts. Allerdings finde ich es schon bezeichnend, dass uns das Land, welches den ganzen Schlamassel verbockt hat, auch mit dem entsprechenden Material zum Anklagen des Status Quo versorgt. Praktische Doppelstrategie, nicht?
Was mich allerdings mehr sorgt, ist die Abhängigkeit der westlichen Welt von China und den benachbarten Billiglohnländern. Die Wirtschaft hat sich dahingehend entwickelt, dass heute die meisten Produkte aus dem High-Tech-Segment aus China und Taiwan stammen. Zahlen hab ich zwar keine an der Hand, aber ich schätze mal, dass auch gut 75% aller Spielwaren aus besagten Ländern stammen. Natürlich sind wir an dieser Entwicklung mit schuld, denn worauf schaut der deutsche Verbraucher? Natürlich nur auf den Preis. Irgendwann werden wir dafür aber auch noch zur Genüge blechen müssen.
Gerade hab ich einen Spiegel.de-Artikel wiedergefunden: es ging darum, dass sich ein Wanderarbeiter (eine feste, sichere Anstellungen findet man ja nirgends), der sich am Tag vier Schüsseln gebratene Nudeln leisten kann, viel arbeiten muss. Sehr viel. Nämlich mehr als zwölf Stunden pro Tag schuften. Wohlgemerkt mit höchstens einem Tag pro Monat Pause. Und natürlich auch ohne Wochenendruhe oder so, das könnte sich der arme Herr Arbeiter nicht leisten. Chinesinnen gehts indes natürlich nicht besser, die müssen anstatt Ziegel zu brennen halt Spielzeuge zusammenbasteln oder Textilien herstellen. Flaggen beispielsweise.
Nun, ewig kann das so nicht weitergehen. Die Bevölkerung des Landes der Mitte wird langsam erwachsen, um das mal so auszudrücken. Das heißt konkret Folgendes: Die werden sich nicht ewig mit einem heute üblichen Hungerlohn abspeisen lassen, sofern man das noch so nennen kann. Viele Arbeiter in der Volksrepublik leben unter Bedingungen, welche den alten Griechen sofort peinlich gewesen wären, die haben ihre Sklaven nämlich noch meist recht gut gehalten. Vor allem, weil man die teuer nachkaufen musste. Im roten Staat rennen die verarmten Arbeiter den Abzockern (anders kann man die Fabrikbetreiber gar nicht nennen) halt einfach in die Arme.
Lange jedenfalls wird das mit dem Billiglohnland China nicht mehr hinhauen, denke ich, denn so langsam kommt das große Erwachen: Oh, China will Autos! Oh, die Schlitzaugen wollen dafür auch noch Benzin! Aber das geht doch nicht, das ist doch unser Erdöl! Und überhaupt, bei so viel CO2-Ausstoß kann sowas doch nicht drin sein!
Naja, jetzt mischen wir unserem kostbaren Super bleifrei erst mal Bio-Ethanol zu, die Chinesen tun das dann vielleicht auch, ist ja viel umweltfreundlicher. Dass dieses Zeug oft aus Übersee kommt (aus Brasilien etwa), der Anbau der benötigten Pflanzen den Boden schädigt, unsere Autos kaputtmacht oder gar zu enormen Preisanstiegen bei Lebensmitteln führt, das ist unseren Politikern ja eigentlich recht egal. Letzteres wäre doch auch prima für die Wirtschaft, stellt euch vor, auf einmal müssten Millionen neue Autos gekauft werden! Biospritfähig, versteht sich. Ich höre die VW-, BMW- und Mercedes-Manager schon vor Freude im Kreis hopsen.
Alternativ schieben wir die Schuld für die Nahrungsmittelkrise aber einfach den Indern in die Schuhe – Frau Fer… äh, Merkel, natürlich, hat schlau erkannt: Die Inder essen zu viel, wir sind unschuldig. Was erdreisten diese Leute sich auch, ohne den geplanten Mehrverbrauch an Reis anzugeben gleich zwei ganze Mahlzeiten in den Mund zu stopfen, anstatt sich mit einer zufrieden zu geben?! Und das an einem Tag. Tss, diese Inder.
Naja, worauf ich eigentlich hinaus wollte: Wann wohl die ersten Billiglohnländer auf dem Mond entstehen? Irgendwohin müssen die Chinesen ihre Wirtschaft ja auslagern, wenn sie da ankommen, wo wir vor ein paar Jahren waren, als westliche Konzerne ihre Arbeitsplätze verlegt haben.
April 28th, 2008 at 22:23
Top Eintrag! Und vor allem interessant, durchaus, ja. Panik- und Geldmache in einem, die Welt geht halt ganz schön ab.
[ oO? ]